Was nie geboren wurde, kann auch nie sterben - Eine Kurzgeschichte Teil 3

Kurzgeschichte: Was nie geboren wurde, kann auch nie sterben Teil 3

Von Yves Seeholzer, 18. August 2024

Roy setzte sich, wie mit Tara und ihrem Bruder abgemacht, die nächsten Tage jeden Morgen um 5:00 Uhr vor die kleine Stupa und sang leise mit den Mönchen das Mantra. Es war, als läge ein Zauber in den Worten, der ihn mit jeder Welle, die in seine Ohren drang, mit innerer Ruhe erfüllte. Er spürte tief in sich, dass er genau am richtigen Ort war und tat, was für ihn richtig war. Woher diese Kraft kam, wusste er nicht, aber schon nach dem ersten Tag gab er sich dem Augenblick hin.
Am zweiten Tag versank er so tief in sich, dass er überrascht war, wie schnell die Zeit verging, und nur wenige Gedanken ihn heimsuchten. Aufgrund seines hektischen Lebens war es ihm fremd geworden, einfach nur dazusitzen und völlig im Moment zu versinken, ohne ständig von seinem Handy oder wilden Gedanken gestört zu werden. Das „Erwachen“ aus der Mantra-Meditation erschien ihm jedes Mal wie eine Wiedergeburt.
Am dritten Tag, nach der Meditation, vergass er für einen kurzen Moment sogar seine eigene Geschichte und warum er überhaupt hier war. Er fühlte sich für einen winzigen Moment einfach nur frei.
Am vierten Tag öffnete Roy wie gewohnt seine Augen und richtete seinen Blick zuerst auf den Boden, bevor er langsam den Kopf hob und die Sonnenstrahlen begrüsste. Nach der Meditation sass er einfach da und beobachtete, wie die roten und türkisfarbenen Wellblechdächer zwischen den Tannen und Bäumen in den Tälern leuchteten, während die Natur erwachte. Zum ersten Mal in seinem Leben sah er wirklich, wie sich der Dunst von den Bäumen wie Rauch in den Himmel erhob, sobald die Sonne ihre Kraft auf die Erde scheinen liess. „Wie wunderschön das Leben doch sein kann. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal hier landen würde. Was habe ich all die Jahre doch verpasst?“ murmelte Roy leise vor sich hin. Es vergingen bestimmt dreiviertel Stunden, bevor er sich vom Boden erhob. Seine Beine waren vom langen Sitzen fast eingeschlafen. Roy schüttelte kurz seinen Körper durch, streckte die Arme weit aus und schob seine Brust nach vorn, während er den Kopf mit offenem Mund nach hinten fallen liess. „Ahhh, das tut gut.“

„Na, wie läuft es mit dem Meditieren?“, fragte eine vertraute Stimme hinter ihm. Roy drehte sich um und freute sich, Taras Bruder zu sehen. „Sehr gut. Ich habe die letzten Tage mit dem Mantra ‚Om Tare Tuttare Ture Soha‘ meditiert, welches die Mönche jeden Tag singen. Tara hat mir das empfohlen.“

„Ich habe schon geahnt, dass sie dich hierher schickt. Wie kommst du voran?“

„Richtig gut. Ich hätte nie gedacht, dass ich so lange einfach dasitzen und in mich kehren kann. Und wie gut das tut. Ich fühle mich grossartig.“

„Die Praxis der Meditation hilft uns, das zu kultivieren, was wir am meisten benötigen. In deinem Fall die Ruhe. Denn nur durch innere Ruhe und Gelassenheit kann sich Klarheit zeigen. Und Klarheit wird benötigt, um die notwendigen Schritte zu tun. In deinem Fall ist das besonders wichtig, da deine Zeit abzulaufen droht.“

Als Roy diese Worte hörte, erinnerte er sich schlagartig an seine Krankheit, und das Gefühl von Freude und Zufriedenheit verwandelte sich schnell in Angst und Beklommenheit. Leise und mit gesenktem Kopf sagte Roy zum alten Mann: „Aber ich habe keine Klarheit. Ich habe Angst und weiss nicht, was ich noch tun soll.“ Die fünf Sekunden Stille, bevor der alte Mann antwortete, fühlten sich für Roy wie eine Ewigkeit an und er hätte sich am liebsten zusammengerollt in eine Ecke gesetzt.

„Weisst du, warum du durch das Mantra singen Ruhe und Stille gefunden hast?“

„Weil ich durch das Singen keinen Platz für andere Gedanken hatte?“ antwortete Roy.

„Das ist zum Teil richtig. Das Wort „Mantra“ bedeutet „Schutz des Verstandes“. Es ist ein Hilfsmittel, um uns vor den unzähligen Gedanken zu schützen, die ständig in unserem Kopf umherschwirren. Aber das meine ich nicht. Es gibt noch etwas anderes, das in deinem Fall von grosser Bedeutung sein könnte. Damit ein Mantra oder eine Reihe von Mantras ihre Wirkung entfalten können, müssen wir mit dem Mantra in Resonanz gehen. Wir müssen nicht einmal verstehen, was die Worte bedeuten, so wie in deinem Fall, sondern uns einfach vollends dem Mantra hingeben. Nur so kann Resonanz entstehen.“

Der alte Mann hielt kurz inne, öffnete seine dunkelrote Leinentasche, die er um seinen Körper trug, und nahm eine Thermoskanne und zwei Plastikbecher heraus. Er schenkte Roy und sich selbst eine Tasse Tee ein.„Diesen Tee habe ich speziell für dich zubereitet. Es ist eine Mischung aus verschiedenen Blättern, Wurzeln und Kräutern, die ich jedes Jahr im Frühling und Herbst sammle, trockne und verarbeite. Er wird dir guttun und unterstützt deinen Körper bei der Reinigung und Selbstregulation.“
Roy roch an dem Tee und versuchte, nicht das Gesicht zu verziehen. Hätte man ihm diesen Tee zu Hause angeboten, hätte er keinen Schluck davon gekostet. Doch er wollte den alten Mann nicht beleidigen und nahm einen Schluck aus der dampfenden Tasse. „Oh, er schmeckt besser, als er riecht“, sagte Roy überrascht und lachte.

„Verstehst du, was ich dir sagen wollte, Roy? Du konntest diese Erfahrung nur machen, weil du mit dem Mantra in Resonanz gegangen bist.“

„Wie meinst du das? Wie kann ich mit einem Mantra in Resonanz gehen?“ , wollte Roy wissen.

„Das ist der Punkt, an dem sich unsere Kulturen und Glaubenssysteme so sehr unterscheiden. Um in Einklang mit der Natur zu leben, vital und gesund zu sein, ist es grundlegend, die Naturgesetze zu verstehen. Auf dieser Erde wirken Gesetze, die sich mit klassischer Wissenschaft und Forschung nicht beweisen lassen. Sie können nur durch genaue Ursachenforschung erkannt und angewendet werden. Eines davon ist das Resonanzgesetz.“

Der alte Mann legte eine kurze Pause ein und genoss seinen Tee mit einer Freude, die Roy selten bei jemandem gesehen hatte. Aus seinem Gesicht strahlte eine Kraft und Klarheit, die Roy in tiefste Demut versetzte.

So fuhr der alte Mann fort: „Gleiches zieht Gleiches an. Einfach ausgedrückt bedeutet das, dass die Energie, die du in die Welt oder deine Umgebung sendest – sei es durch Gedanken, Gefühle oder Handlungen – ähnliche Energien anzieht. Das, worauf du dich konzentrierst und womit du in Resonanz gehst, ziehst du in dein Leben oder in deine Gegenwart. Wenn du positive, freudige und schöne dir dienliche Gedanken und Gefühle hast, ziehst du auch solche Erfahrungen und Situationen an, die dies unterstützen. Wenn du hingegen negative, destruktive oder selbstzerstörerische Gedanken hegst oder dich auf negative Dinge fokussierst, wirst du auch eher solche Erlebnisse in dein Feld der Erfahrung ziehen. Es geht also darum, im Einklang mit der Energie dessen zu sein, was du in deinem Leben manifestieren möchtest.“

Wie schon beim ersten Treffen, als Roy weitere Fragen stellen wollte, ergriff der alte Mann erneut das Wort und sagte: „Deine Aufgabe bis morgen ist, dir zu überlegen, womit du in deinem Leben in Resonanz gegangen bist, damit diese tödliche Krankheit, mit der du dich nun herumschlagen musst, überhaupt in dein Feld eintreten konnte.“

Schweigend drückte er Roy die Thermoskanne in die Hand und sagte: „Trink den Rest. Alle zwei Stunden eine kleine Tasse. Wir sehen uns morgen.“

Der alte Mann legte seine Hand auf Roys Schulter, lächelte ihn liebevoll an und schlenderte dann gemächlich in Richtung Haupttempel.

„Darf ich noch deinen Namen wissen?“, rief Roy ihm hinterher.

„Du kannst mich Drupa nennen.“

„Danke, Drupa.“

Nach diesem tiefgründigen Gespräch sehnte sich Roy nach einer grossen Tasse heissen Kaffees und etwas Süssem für seinen Magen. Er hatte nun viel, worüber er nachdenken musste, und so schrieb er seine Erfahrungen und Gedanken in sein Notizbuch, das er immer bei sich trug.

Fortsetzung folgt…

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Yves Seeholzer

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