Was nie geboren wurde, kann auch nie sterben - eine Kurzgeschichte Teil 2

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Von Yves Seeholzer, 27. Juni 2024

Am nächsten Morgen, nachdem Roy den alten Mann auf dem Hügel oberhalb von Dharamshala getroffen hatte, klingelte der Wecker in einer für Roy fast schon unmenschlichen Zeit. Er war es sich nicht gewöhnt, in dieser Herrgottsfrühe aufzustehen. Damit er um 5 Uhr beim Tempel sein konnte, musste er um 4.20 Uhr aus dem Bett. Zuerst dachte Roy kurz darüber nach, einfach liegenzubleiben. Doch als er seine Augen wieder schloss, sah er sofort den kleinen alten Mann vor seinem inneren Auge, wie er ihn anlächelte und mit der Hand zum Aufstehen bat. Dies half ihm, den inneren Schweinehund zu überwinden und sich ins Badezimmer zu schleppen. Warmes Duschwasser gab es natürlich nicht und so huschte er nur für 10 Sekunden unter den kümmerlichen Wasserstrahl, um sich wach zu bekommen. Draußen war es noch mild und so packte sich Roy seine Isolationsjacke, legte einen Schal um und zog sich seine Kappe an, die er für alle Fälle eingepackt hatte. Als er die Pension verließ, schien die Welt wirklich noch zu schlafen, genauso wie es der alte Mann gesagt hatte. Ganz anders als im Westen, wo man manchmal meinen könnte, dass nie etwas zu schlafen scheint. Verlässt man das Haus in einer Grossstadt im Westen, steht oft schon eine Schar von Menschen bereit, dem Alltag die Stirn zu bieten. Doch hier im Vorgebirge des Himalajas schien es anders zu sein. Kein Licht, keine Laterne und keine einzige Seele war auf den engen Dorfpfaden zu sehen. Auch diese Stille war für Roy ganz ungewohnt. Er hörte einfach nichts, ausser seinem eigenen Fussstapfen, während er sich auf den Weg zum Tempel begab. Um Punkt 4.45 Uhr stand er vor dem großen Tempelkomplex, in dem der heutige Dalai Lama zu Hause ist. Am großen Tor standen zwei Mönche, die ohne eine Grimasse zu ziehen, ihm aber dennoch freundlich zunickten und die Hände vor ihrem Herzen zusammenbrachten. Roy tat dasselbe und verbeugte sich demütig vor ihnen. Schon immer verspürte er großen Respekt den buddhistischen Mönchen gegenüber, obwohl er nicht genau wusste, warum das so war.
Aus der Ferne schwebten Gesänge und Melodien heran, die allmählich in Roys Bewusstsein eindrangen. Mit jedem Schritt wurden die Mantras klarer. Als er an einer Stupa vorbeilief, hörte er deutlich das sich wiederholende Mantra: „Om Tare Tuttare Ture Soha.“ Fasziniert von den Gesängen blieb er stehen und schloss die Augen. Das Mantra zog ihn wie eine unsichtbare Kraft in einen tiefen Bann. Minutenlang stand Roy da, lauschte den Stimmen der Mönche aus dem Inneren des Tempels und obwohl er die Bedeutung der Worte nicht verstand, spürte er, dass eine tiefe Magie in ihnen verborgen lag. Gerade als er in den meditativen Klängen zu versinken schien, erinnerte er sich an die Worte des alten Mannes: „Setze dich für die nächsten sieben Tage morgens um 5 Uhr, bevor die Welt erwacht, zum großen Tempel unten im Dorf und meditiere eine Stunde über folgende Frage: Bin ich ehrlich zu mir selbst?“
Roy suchte sich ein ruhiges Plätzchen auf der grossen Aussichtsplattform vor dem Tempel und setzte sich auf eine kleine Mauer. Vor ihm leuchteten hunderte kleine Lichter von den Berghäusern, die an den Hängen des Vorgebirges verstreut waren. Die Sterne funkelten klar am Himmel, keine Wolke war zu sehen – eine Dämmerung, die jeden ins Staunen versetzte. Doch Roys Aufgabe war klar. Er schloss die Augen und begann, über die Frage „Bin ich ehrlich zu mir selbst?“ zu meditieren. Sofort wurde er von wirren und zufälligen Gedanken überrannt: „Was esse ich nachher zum Frühstück? Finde ich wohl ein schönes Teehaus?“ Auch die Angst vor dem Sterben und die Gedanken an seine Krankheit drängten sich ihm auf. Minutenlang kämpfte er mit seinem unruhigen Geist, der ihm keine Pause gönnte. Er erkannte, wie unglaublich schwierig es war, sich auf diese tiefe Frage einzulassen und spürte die Angst, die sie in ihm hervorrief.
Erschöpft von dem inneren Ringen, öffnete er schließlich die Augen. Die Sterne verblassten bereits und die ersten Sonnenstrahlen kündigten den neuen Tag an. Obwohl es sich für ihn ewig angefühlt hatte, waren es nur knapp 10 Minuten, in denen er versuchte in sich zu kehren.
In diesem Moment setzte sich Tara, die Schwester des alten Mannes, neben ihn. Ihr faltiges Lächeln strahlte eine Wärme aus, die den morgendlichen Sonnenstrahlen glich.
„Hast du meinen Bruder getroffen?“, fragte sie ihn.
„Ja, ich habe mit ihm gesprochen und ihm von meiner Situation erzählt“, antwortete Roy. „Und? Hat es dir geholfen?“
„Ich bin mir nicht sicher. Er gab mir den Auftrag, die nächsten sieben Tage in der Früh hierherzukommen, um zu meditieren“, seufzte Roy.
Tara lächelte und schüttelte leicht den Kopf. „Der alte Knabe und seine Meditationen. Hat es funktioniert? Das Meditieren, meine ich?“, fragte sie neugierig.
„Nein, überhaupt nicht. Ich konnte mich nicht auf die Aufgabe konzentrieren. Meine Gedanken sprangen immerzu hin und her.
Total irrsinnig und alles andere als entspannend. Meditation sollte doch beruhigend wirken, dachte ich. Mich hat es nur noch nervöser gemacht.“
Mit einem nachdenklichen Blick in die Ferne erwiderte Tara: „Manchmal ist der Weg zur inneren Ruhe voller Hindernisse. Aber gerade dieser Weg lehrt uns die wichtigsten Lektionen.“
„Welche Lektionen sollten das denn bitte sein?“, fragte Roy skeptisch.
„Dass der unruhige Geist das Hindernis für ein erfülltes Leben ist“, antwortete Tara.
Roy dachte einen Augenblick darüber nach, und noch bevor er etwas dazu sagen konnte, fügte Tara hinzu: „Könntest du deinen Geist kontrollieren und hättest die Zügel in der Hand, wäre es kaum möglich, im Leben Entscheidungen zu treffen, die deinem Wachstum nicht dienen. Wärst du Herr über deine Sinne und Gedanken, würdest du wahrscheinlich nicht hier sitzen. Genau deswegen hat dich mein Bruder hierher geschickt – um dich mit deinem Geist zu konfrontieren. „Erkenne und ändere“, ist die Lehre, die er lehrt.“
„Und wie kontrolliere ich meinen Geist?“, wollte Roy wissen.
Tara lächelte ihn an und sagte: „Es gibt viele Möglichkeiten, die man anwenden kann. Ich nutze das Chanten von Mantras, um mich von meinen Gedanken zu befreien und klar sehen zu können. Weißt du, wir alle haben Gedanken, die Hin und Her springen. Die Frage ist nur, ob wir Wege kennen, sie unter Kontrolle zu bringen.“
„Mantras? So wie die Gesänge, die aus der Stupa kommen?“, wollte Roy wissen.
„Ja, genau solche“.
„Und was bewirken die Mantras?“
„Mantras haben viele Bedeutungen und Anwendungsbereiche. In deinem Fall dient es dem Schutz des Geistes. Wenn du laut ein Mantra singst oder es leise im Geiste für eine gewisse Zeit immer und immer wieder wiederholst, drängt es die wirren Gedanken, die wir alle ständig haben, in die Ferne. Das erschafft einen ruhigen und konzentrierten Geisteszustand. Mantras dienen als eine Art Schutzschild. Jedes Mal, wenn du das Mantra wiederholst, bildet sich mehr und mehr eine Energie oder ein Kraftfeld, welches es vermag, das Entspringen von Gedanken zu verlangsamen. Probiere es aus und du wirst rasch die Kraft der Mantras erkennen. Und sobald du in diese Ruhe fällst, die vor und nach dem Wiederholen des Mantras entsteht, kannst du dir die Fragen stellen, die dich gerade am meisten beschäftigen.“
Tara drehte sich etwas von Roy ab und blickte für einen Augenblick direkt in die aufsteigende Sonne. Es scheint, als würde sie die Kraft der aufgehenden Sonne versuchen, in sich aufzusagen. Roy wollte sie nicht unterbrechen und wartete einen Augenblick, bevor er die nächste Frage stellte: „Mit welchem Mantra soll ich denn anfangen? Ich kenne keines.“ „Warum setzt du dich morgen nicht neben die kleine Stupa und singst mit den Mönchen mit? Sie tun das jeden Morgen. Das Mantra ist immer dasselbe: „Om Tare Tuttare Ture Soha“.
„Ja, ich habe ihnen vorhin zugehört. Es hat mich zutiefst berührt, was sie da gesungen haben“, gab Roy zu.
Tara lächelte. „Das ist ein guter Anfang. Lass dich von den Klängen tragen und spüre, wie sie dich in einen Zustand der Ruhe und Klarheit führen. Es benötigt Zeit, aber wenn du geduldig bist, wirst du die Veränderungen spüren können.“
Roy packt seinen Notizblock und Kugelschreiber aus seiner vorderen Jackentasche, die er beide immer dabeihat und schreibt sich das Mantra auf.
„Bist du morgen wieder hier Tara?“ „Vielleicht, vielleicht auch nicht. Doch deine Aufgabe ist klar und ich hoffe, du findest die Antwort auf deine Frage.“
„Eine Frage hätte ich noch“, drängte Roy, obwohl Tara schon aufstand und gehen wollte. „Was bedeutet dieses Mantra?“
„In deinem Fall spielt es keine Rolle, was es bedeutet. Viel wichtiger ist, zu spüren, wie sich die Kraft des Mantras bei dir zeigt. Achte beim Chanten darauf, was es mit dir macht und was es auslöst. Fühle hinein und sage mir in ein paar Tagen, was du gespürt hast und ob du deinen Geist etwas beruhigen konntest. Ich werde dich hier wieder aufsuchen."

Fortsetzung folgt…

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Yves Seeholzer

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