Was nie geboren wurde, kann auch nie sterben - eine Kurzgeschichte
Teil 1
Von Yves Seeholzer, 26. Mai 2024
Nach der Schockdiagnose gab Roy unverzüglich all sein Hab und Gut auf, verkaufte und verschenkte es, kündigte seine Wohnung und beschloss, endlich die Dinge zu tun, die er sein Leben lang vor sich hergeschoben hatte. Er flog von Zürich nach Marokko, reiste weiter nach Kapstadt, dann zu den Malediven, um schließlich eines seiner Hauptziele, Dharamshala in Indien, zu erreichen. Schon sein ganzes Leben lang fühlte sich Roy von der buddhistischen Lebensweise angezogen, wusste aber nicht, was es wirklich damit auf sich hatte. Eine mysteriöse Verbindung zog ihn gedanklich auch immer wieder nach Tibet, doch alleine dorthin zu reisen schien fast unmöglich. Also entschied er sich für Dharamshala, das Exil des heutigen Dalai Lama und ein bedeutender Ort des Buddhismus. Kaum angekommen, machte er sich rasch auf den Weg, das kleine Bergdorf mit seinen buddhistischen Tempeln und Stupas zu erkunden, und war fasziniert von diesem spirituellen Kraftort. Die vielen kleinen, farbigen Häuser, die inmitten großer Bäume und Tannen mit Gebetsfahnen umwickelt waren, ließen ihn ganz demütig fühlen.
"Wer weiß, vielleicht treffe ich den Dalai Lama", murmelte Roy vor sich hin, während er die steilen Pfade zu den Tempeln hinaufstieg. Obwohl es sonnig war, wehte eine eisige Brise und Roy bereute, dass er seine Windjacke nicht mitgenommen hatte. Im Tempelkomplex angekommen, stellte sich heraus, dass in den nächsten zwei Wochen keine öffentlichen Reden des Dalai Lama geplant waren.
Schade, dachte Roy. Er setzte sich auf eine kleine Backsteinmauer direkt neben einem kleinen Schrein, aus dem kleine Rauchwolken des Räucherwerks kamen. Der Duft, ein Gemisch aus Sandelholz und Zimt, erschien ihm sehr angenehm. Genau so, wie man sich einen buddhistischen Schrein im Vorgebirge des Himalaya vorstellt. Die Sonne schimmerte durch den Nebel, und plötzlich brachen Tränen aus Roy heraus. Er konnte seine Trauer und seinen Frust nicht länger zurückhalten.
Eine sanfte Stimme fragte: "Was ist denn los?"
Roy drehte sich um und sah eine alte, liebliche Frau in zerrissenen Kleidern mit einem sonnenverbrannten Gesicht. "Ich bin verloren", antwortete er knapp und ließ seinen Kopf sinken.
"Was fehlt dir, mein Kind? Ist es so schlimm?"
"Ja! Ich habe Krebs und werde bald sterben."
Als er es zum ersten Mal seit Monaten aussprach, was ihm schon lange dämmerte, fühlte es sich für Roy an, als würden tausende Steine von seinem Herzen fallen. Die Tränen flossen schier unaufhörlich über seine geschwollenen Wangen.
Die alte Frau legte eine Hand auf seine Schulter und sagte leise, aber bestimmt: "Geh auf den Hügel über dem Dorf. Dort findest du einen alten Mann, der dir vielleicht helfen kann, deine Lasten zu tragen. Folge dem Pfad hinter der Stupa bis nach oben. Er ist immer ab 17 Uhr dort anzutreffen."
Bevor Roy reagieren konnte, war die Frau auch schon wieder auf dem Weg den Hang abwärts, drehte sich nochmals um und winkte ihm zum Abschied zu.
Unsicher, ob er dem Rat der alten Dame folgen sollte, dachte er sich, dass es nicht schaden konnte. Er erinnerte sich an buddhistische Geschichten von merkwürdigen Begegnungen mit "Happy Ends".
"Vielleicht gibt es auch für mich ein Happy End?"
Er folgte dem Pfad hinauf, bis er den höchsten Punkt des Hügels erreichte. Tatsächlich saß dort ein alter Mann vor einer verlotterten Hütte in oranger Robe und winkte ihm zu. Roy blickte sich um, doch es war niemand hinter ihm. Also winkte er zurück und näherte sich dem alten Mann.
"Was kann ich für dich tun?", fragte der Mann freundlich, bevor Roy etwas sagen konnte.
"Guten Abend. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Eine alte Frau hat mich hierhergeschickt und gesagt, Sie könnten mir vielleicht helfen."
Der alte Mann lachte und sagte: "Ach, meine Schwester Tara schickt immer mal wieder Menschen zu mir. Warum, weiß ich auch nicht so genau. Ich bin nur ein alter Mann, der seine letzten Tage hier genießen möchte. Aber ich sehe, dass dein Herz vor Schmerz brennt. Was bedrückt dich, junger Mann?"
"Ich habe Krebs und werde sterben", brach es aus Roy heraus.
"Ich verstehe. Und wie kann ich dir dabei helfen?"
"Ich weiß es nicht. Ihre Schwester…."
"Glaubst du an die Ewigkeit?", unterbrach ihn der alte Mann.
"Wie meinen Sie das?"
"Glaubst du, dass deine Seele ewig lebt?"
"Ich … ich bin mir nicht sicher. Ich wünsche es mir, aber ich weiß es nicht."
Der alte Mann schwieg einen Moment, legte dann seine Hand auf Roys und sagte: "Etwas, was nie geboren wurde, kann auch nie sterben. Das, was in diesem Leben geboren wird, ist nur unser Ego. Damit wir die Ewigkeit erkennen können, muss das Ego sterben. Unser ganzes Leben auf der Erde hat nur einen Zweck: Zu leben, um dann zu sterben, damit wir erkennen, dass wir nicht sterben können. Wir müssen lernen, dass der Tod das Höchste ist, was wir in diesem Leben erreichen können. Denn durch den Tod wirst du deinen größten und strengsten Lehrer los und kannst endlich wieder frei sein."
"Wer ist dieser Lehrer?", fragte Roy.
"Dein Ego."
"Und was geschieht, wenn das Ego verschwunden ist?"
"Ein Happy End."
"Und wie verschwindet das Ego?", wollte Roy wissen.
Der alte Mann schmunzelte und antwortete: "Indem du ehrlich zu dir selbst bist."
Stille überkam den Augenblick. Roy spürte, wie sich sein Hals zuschnürte und sein Herz zu pochen begann. Noch bevor er etwas sagen konnte, ergriff der Alte das Wort: "Nun geh und denk einmal darüber nach. Setze dich für die nächsten sieben Tage morgens um 5 Uhr, noch bevor die Welt erwacht, zum großen Tempel unten im Dorf und meditiere eine Stunde über folgende Frage: "Bin ich ehrlich zu mir selbst?". In einer Woche kommst du zurück und berichtest mir, was du herausgefunden hast."
Roy wollte noch eine weitere Frage stellen, doch der alte Mann winkte ab, stand auf und lief ohne ein weiteres Wort zu sagen, gemütlich davon.
"Merkwürdig, dieses Dharamshala," murmelte Roy vor sich hin.
Doch irgendwo tief in seinem Herzen wusste er, dass der Mann recht hatte. Auf dem Rückweg zu seiner Pension entschied er sich, dem Rat des Mannes zu folgen, und als wäre ein kleines Licht in seinem Herzen erschienen, spürte er zum ersten Mal seit vielen Wochen wieder tiefe Freude und Dankbarkeit.
Yves Seeholzer